Was ist für Sie die größte Herausforderung bei der Entwicklung innovativer Produkte?

Der  langwierige Prozess? Die damit einhergehenden Risiken?

Dauert es zu lange, läuft man Gefahr, hinter der Konkurrenz hinterherzuhinken und ein veraltetes Produkt auf den Markt zu bringen. Andererseits möchte man natürlich dem Nutzer ein perfektes Produkt präsentieren.

Und hinzu kommt auch noch die Sorge, dass die Innovation von der Zielgruppe nicht angenommen wird.

Wir empfehlen daher, mit einem Minimum Viable Product (MVP) an den Start zu gehen, also einem  Produkt, welches auf das absolut Nötigste reduziert ist und lediglich die Minimalanforderungen aus Nutzer- und Businesssicht erfüllt

Doch was muss man beim Bau eines MVP beachten? Was sind Best-Practices und was sollte man in jedem Fall vermeiden?

First Things First: Der MVP-Konzeptionsprozess

Bevor wir uns in die Details stürzen, müssen wir uns erstmal anschauen, wie der Konzeptionsprozess eines MVP eigentlich aussieht.

Wichtig ist, dass Sie sich zu Beginn Gedanken über Ihre Produkt-Vision machen und sich dann erst auf das MVP konzentrieren.

Dazu folgen wir in unseren Kundenprojekten dem Prozess des Human-Centered-Designs bei der Entwicklung von MVPs:

Ein MVP entwickeln folg dem Human Centered Design Prozess: Verstehen, Definieren, Konzipieren, Prototypisieren, Testen

1. Nutzungskontext verstehen und definieren (Produkt-Vision):

Bevor Sie das Produkt auf seine Kernfeatures herunterbrechen, müssen Sie sich klar machen, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Welche Probleme haben die potentiellen Nutzer und wie kann Ihr Produkt sie lösen? Welche Bedürfnisse und Erwartungen haben sie an das Produkt? Befragen Sie auf jeden Fall Ihre Zielgruppe und beschränken Sie sich nicht auf Ihre eigenen Überlegungen!

Befragen Sie Ihre Zielgruppe

Mit UX-Methoden wie Tiefeninterviews finden wir heraus, was Ihre Zielgruppe wirklich braucht – und identifizieren die Kernfeatures Ihres MVPs. Mehr erfahren

 

2. Anforderungen aller Stakeholder verstehen und definieren:

Ihre Nutzer sind jedoch nicht die einzigen Stakeholder – Welche Businessziele gibt es? Welche technischen Möglichkeiten und Einschränkungen müssen bedacht werden? Welche Budgetbeschränkungen gibt es?

3. Minimalanforderungen verstehen und definieren (MVP):

Ihre Produkt-Vision brechen Sie nun auf die Kernfunktionen herunter. Welche Funktionen bieten den größten Mehrwert? Was darf auf keinen Fall weggelassen werden?

4. Ideen entwickeln und skizzieren (Skribbles, Wireframes, Prototyp):

Jetzt machen Sie den ersten Entwurf. Hier geht es noch nicht um das Design, sondern um das Festhalten Ihrer Ideen. Besinnen Sie sich dabei immer wieder auf die Kernfunktionen und Minimalanforderungen des MVP.

5. Evaluation durch Nutzerfeedback:

Holen Sie sich so früh wie möglich Feedback von den potentiellen Nutzern durch Usability-Tests ein. Vergessen Sie aber nicht die anderen Stakeholder. So gehen Sie sicher, dass Ihre Ideen alle Anforderungen und Bedürfnisse erfüllen und den Nutzern einen echten Mehrwert bieten.

6. Iterationen:

Ganz wichtig: Die Gestaltung eines neuen Produktes ist ein iterativer Prozess. Sie nähern sich also schrittweise einer möglichst idealen Lösung an. Planen Sie daher mehrere Feedbackschleifen ein, nehmen Sie nötige Optimierungen vor und testen Sie das Ergebnis erneut.

 

Der Prozess entspricht dem von allen Konzeptionsprojekten – mit dem MVP entsteht am Ende jedoch ein Produkt, welches noch nicht alle geplanten Features enthält, sondern ausschließlich mit den Kernfunktionen released wird.

Das MVP ist das Ergebnis des ersten Designzirkels. Die darauffolgenden Projekte bauen auf diesem MVP auf und treiben die ursprüngliche Produkt-Vision weiter voran.

Best-Practices beim MVP-Bau

So viel zum MVP-Prozess – aber was müssen Sie bei den einzelnen Prozessschritten beachten? Was sind die Best-Practices und wo gibt es möglicherweise Fallstricke?

Denken sie groß: Think big, build small!

Die große Produktvision stellt sicher, dass zukünftige Weiterentwicklungen von Anfang an eingeplant werden. So verhindern Sie, dass die Usability Ihres Produktes mit der Zeit leidet, weil neue Features in ein Interface gezwängt werden, in das sie nicht recht hineinpassen wollen. Berücksichtigen Sie daher schon von Anfang an die Skalierbarkeit des Produkts und planen Sie Flexibilität beim System ein, damit Sie ohne Probleme neue Features  aufnehmen können.

Wichtig beim MVP entwickeln: Der Unterschied zwischen Minimum Viable Product und der Product Vision

Quelle: Company 800

 

Minimalanforderungen des MVPs festlegen

Sie haben die Anforderungen Ihrer Stakeholder identifiziert und daraus Lösungen für Ihr Produkt abgeleitet. Und eigentlich sind diese Funktionen doch alle wichtig, oder? Wie finden Sie jetzt heraus, was die Kernfunktionen sind?

Fragen Sie Ihre Nutzer! In User Research (z.B. mit Fokusgruppen und Tiefeninterviews) finden Sie heraus, welche Features Ihres Produkts unverzichtbar sind und welche Sie erst später einbauen sollten (oder was Sie vollständig weglassen können können). Identifizieren Sie die Use-Cases und Szenarien sowie die jeweiligen Pains Ihrer Nutzer. Um verlässliche Ergebnisse zu erhalten, kann es sinnvoll sein, neutrale Experten zu beauftragen, die auf entsprechende Research-Methoden spezialisiert sind.

Überprüfen Sie auf jeden Fall während der Entwicklung immer wieder, ob Sie sich noch an die Minimalanforderungen halten oder ihr Produkt schon zu weit geht.

Wie wir neue Features als MVPs entwickeln

Auch mit neuen Features unseres Tools RapidUsertests stehen wir immer wieder vor der Herausforderung, diese unseren Nutzern möglichst schnell zur Verfügung stellen zu wollen, um frühes Feedback zu erhalten. Wir müssen daher jedes Mal die Minimalanforderungen kennen.

So haben wir zum Beispiel für unser Highlight-Video-Feature Interviews mit Kunden durchgeführt und die Minimalanforderungen identifiziert.

Das Ergebnis:

  • Mit dem MVP des Highlight-Video-Features konnten Nutzer Clips aus dem Ergebnisvideo auswählen, die Anordnung der Clips im Highlight-Video anpassen und einen Link zum Video teilen oder das Video herunterladen.
  • Erst später wurden die Möglichkeiten ergänzt, die Clips nachträglich zu bearbeiten und Zwischenfolien hinzuzufügen.
  • In Planung ist beispielsweise, die Einblendzeit der Folien anpassen und die ausgeschnittenen Clips automatisch nach bestimmten Merkmalen sortieren zu können – Nutzeranforderungen, die noch nicht Teil der Kernfunktionen waren.

 

Niemals die Nutzersicht vernachlässigen

Generell fließen in die Produktvision, den Entscheidungsprozess zur Priorisierung von Features und die Weiterentwicklung des Produktes drei Faktoren ein:

1) Nutzeranforderungen (Wie wichtig ist den Nutzern das Feature?)

2) Businessanforderungen (Was bringt das Feature dem Unternehmen?)

3) technische Anforderungen (Gibt es technische Restriktionen?)

Alle drei beeinflussen in unterschiedlichem Ausmaß, ob und wann ein Feature umgesetzt wird.

Während der gesamten Produktentwicklung hat der Nutzer einen Nachteil: Er ist nicht anwesend. Das Management hingegen kann jederzeit seine Bedenken und Wünsche äußern und auch das Development kann Bedenken zu technische Einschränkungen einbringen.

Einer der häufigsten Fehler beim Erstellen eines MVP ist daher, das Produkt zwar zunächst aus Nutzersicht zu denken, in Iterationen verwässert diese Ausrichtung jedoch zugunsten von Business-Zielen. So wird das Produkt im schlimmsten Fall am Nutzerbedürfnis vorbei entwickelt.

Ihr Job ist es, die Anforderungen der Nutzer zu verteidigen. Denn implementieren Sie viele Features, die hauptsächlich der Erreichung von Business-Zielen dienen, wird das Produkt von den Nutzern nicht angenommen. Wenn ihr Produkt den eigentlichen Need des Nutzers nicht erfüllt, führt das wiederum dazu, dass Ihre Businessziele nicht erreicht werden können.

Auch zur Entwicklung unseres eigenen Tools RapidUsertests nutzen wir stets eine Nutzen-Aufwand-Schätzung zur Priorisierung von Features. So bewerten wir für jedes geplante Feature anhand der Nutzeranforderungen, wie groß der Impact für die Anwender ist, das Ausmaß des Umsatzpotentials und wie viel Aufwand in die Entwicklung gesteckt werden muss.

Gestalten Sie das MVP ansprechend – es soll mehr als nur funktionieren

Das MVP ist zwar eine abgespeckte Version Ihrer Produktvision, das heißt trotzdem nicht, dass sie eine unfertige Rohversion entwickeln sollten.

Wenn sich die Zielgruppe nicht emotional angesprochen fühlt, wird das Produkt trotz guter Idee floppen.

Ihre Zielgruppe überzeugen Sie neben der Funktionalität vor allem durch ein emotionales Design und eine aktivierende Ansprache.

So geht MVP entwickeln: Das MVP darf nicht nur funktional sein, sondern muss ebenfalls zuverlässig und nutzerfreundlich sein sowie ein emotionales Design besitzen

So entwickeln Sie ein emotional ansprechendes Design

Mit einem nutzerfreundlichen UI-Design erwecken wir Ihr Produkt zum Leben. Mehr erfahren

Denken Sie an eine gute Visualisierung für die Entwickler

Um Missverständnisse zu vermeiden sollten Sie Ihrem Entwicklerteam das Konzept des MVP visuell veranschaulichen, in Form von Wireframes oder eines Prototyps.

Anders als bei „fertigen“ Produkten, sollten Sie Platzhalter für zukünftige Features einplanen, die in Ihrer Produkt-Vision enthalten sind.

Nur so gehen Sie sicher, dass sich spätere Features problemlos in das bestehende Layout integrieren lassen.

Und jetzt Sie!? MVP-Vorteile im Überblick:

Zwar müssen Sie bei der Entwicklung eines MVP einiges beachten – im Endeffekt geht es aber schneller, weil Sie späteren großen Anpassungen vorbeugen. Außerdem ist die Entwicklung eines MVP risikoärmer, als Ihre Produktvision von Anfang an komplett umzusetzen.

Ein MVP bringt Ihnen:

  • Frühes Nutzerfeedback und damit Sicherheit bzgl. Nutzerbedürfnissen und der Akzeptanz Ihres Produktes
  • Einen risikoarmen Markteintritt
  • Wettbewerbsvorsprung durch frühe Akzeptanz bei der Zielgruppe
  • Ein nutzerfreundliche Produkt, das Ihren Nutzern einen echten Mehrwert bietet

Für Schritte wie User-Research, die Konzeption des Interfaces und Usability-Testing kann es sinnvoll sein, einen außenstehenden, unvoreingenommenen Experten zu Rate zu ziehen.

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Über den Autor

Friederike Waterstrat

User-Experience-Specialist

„UX’ler sind wie Meerschweinchen: Eins allein geht ein.“ Das ständige Interesse am fachlichen Austausch sowie ihr akademischer Hintergrund der Mensch-Maschine-Interaktionen haben Friederike zu vielfältigen Projekten verholfen. So entstanden beispielsweise Personas für RTL2, die HanseMerkur und meinUnterricht.de.

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