Wie lange dauert es, bis ein Produkt mit all seinen Features fertig geplant, entwickelt und umgesetzt ist? Monate, wenn nicht gar Jahre?

Zu langsam für unsere digitalisierte Welt.

Im schlimmsten Fall ist das Produkt bereits veraltet, wenn es endlich auf den Markt kommt und muss gleich wieder überarbeitet werden. Oder es ist so komplex, dass die Nutzer Schwierigkeiten haben, es zu verstehen und vor der Nutzung zurückschrecken.

So habe ich es kürzlich bei der Durchführung eines Nutzertests erlebt: Wir testen eine neue Shopping-App, die kurz vorher live gegangen war. Die App wies vier Funktionen auf, die nur wenig miteinander zu tun hatten. Die Nutzer zeigten sich von den sehr verschiedenen Funktionen verwirrt, waren überfordert und ihre Akzeptanz der App gegenüber war gering. Die Kennzahlen blieben daher weit hinter den Erwartungen zurück.

Mit einem Minimum Viable Product auf den Markt zu gehen, hätte dem Kunden enorm viel Zeit und Geld sparen können. Wie und warum, erfahren Sie hier:

Was ist überhaupt ein Minimum Viable Product?

Ein Minimum Viable Product (MVP) ist ein Produkt, welches auf das absolut Nötigste reduziert ist und lediglich die Minimalanforderungen aus Nutzer- und Business-Sicht erfüllt. Es handelt sich quasi um eine „Light“ Version des geplanten Endresultats. Dabei werden zunächst nur die Kernfunktionen umgesetzt, die unbedingt nötig sind, um das Produkt nutzen zu können und die dem Nutzer einen Mehrwert bieten. Dabei ist irrelevant, dass das Produkt eventuell noch nicht sein gesamtes Potential ausschöpft. Beim MVP kann es sich beispielsweise um eine einzelne Landingpage handeln oder um eine App, die nur eine einzige Funktion liefert. Hauptziel des MVP ist es, möglichst früh Kundenfeedback einzuholen.

das Minimum Viable Product eines Autos und wie man es richtig machen

Bei diesem Produkt ist die Kernfunktion, von A nach B zu kommen. Das obere Produkt ermöglicht dies nur in der letzten Version. Unten ist die Kernfunktion von Anfang an erfüllt, wird mit den folgenden Versionen jedoch immer schneller und komfortabler erreicht.

Doch nur weil ein Minimum Viable Product auf das Nötigste beschränkt ist, heißt es nicht, dass es keinen Plan für zukünftige Entwicklungen gibt. Hinter einem MVP sollte eine größere Vision stecken: Das Bild vom gewünschten Traumzustand, welches die Entwicklung prägt. Think big, build small!

3 inspirierende Beispiele für erfolgreiche Minimum Viable Products

Jeder fängt einmal klein an. Folgende Unternehmen machen heute Milliarden-Umsätze, haben sich aber aus MVPs entwickelt:

Schuhe online zu kaufen war nicht schon immer eine Selbstverständlichkeit. Nick Swinmurn, der Gründer von Onlinehändler Zappos (inzwischen von Amazon aufgekauft), testete daher zuerst einmal die Idee, ob sich Schuhe überhaupt online verkaufen würden. Dazu baute er eine Website, auf der Schuhe angeboten wurden, die er im Laden abfotografiert hatte. Als tatsächlich die ersten Bestellungen eingingen, kaufte er die Schuhe im Laden und verschickte sie von Hand an die Kunden. Die ganze Infrastruktur im Hintergrund kam erst anschließend, nachdem sich die Idee als Erfolg erwiesen hatte.

Die Airbnb-Gründer Brian Chesky und Joe Gebbia konnten sich 2007 die Miete ihrer Wohnung in San Francisco nicht mehr leisten. So wurde die Idee für das heute Milliarden schwere Unternehmen geboren. Während einer Design-Konferenz boten sie ihr Appartement auf einer simplen Website als Unterkunft an. Schnell hatten sich drei zahlende Gäste gefunden und sie konnten aus diesen Erfahrungen auf die Anforderungen potentieller Kunden schließen.

Unser drittes Beispiel ist Google Maps. Was zunächst als reiner Kartendienst begann, wurde nach und nach durch heute nicht mehr wegzudenkende Funktionen ergänzt: Das Navigations-Feature, integrierte Bahn- und Flugpläne oder die Benachrichtigungsfunktion, die den Nutzer daran erinnert, dass es Zeit wird, loszufahren.

Warum entwickelt man ein Minimum Viable Product?

Erster am Markt sein und frühes Feedback von den Nutzern einholen:

Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen entwickelt ein neues Produkt, investiert viel Zeit und Geld und kurz vor dem Launch veröffentlicht jemand ein sehr ähnliches Produkt, welches sofort zum Erfolg wird. Ziemlich ärgerlich… Beim MVP geht es darum, eben solche Situationen zu verhindern, indem man sein Produkt frühestmöglich für die Anwender bereitstellt. Von den ersten Anwendern (Early Adopter) können Sie wertvolles Feedback sammeln, welches Sie zum Planen, Priorisieren, aber auch Verwerfen von weiteren Funktionen nutzen können. Mit einem MVP bringen Sie Ihre Ideen auf den Markt, bevor die Konkurrenz es tut.

Innovationrisiken minimieren:

Ein MVP bewahrt Sie davor, das Produkt am Kunden vorbei zu entwickeln, also etwas zu bauen, in das unnötig viel Zeit und Geld gesteckt wird. Bleiben beispielsweise viele der Funktionen des Produktes ungenutzt, war ein Großteil des Entwicklungsaufwands umsonst. Doch dabei bleibt es nicht: Auch die ungenutzten Funktionen müssen ordentlich gewartet werden und mit zukünftigen Features kompatibel sein, weshalb auch nach dem Livegang die Investitionen unnötig hoch ausfallen. Anhand des MVPs kann Feedback der Nutzer darüber gesammelt werden, welche Funktionen sie noch benötigen würden –  was wiederum bei der Planung und Priorisierung von weiteren Funktionen hilft.

Durchdacht statt verzettelt:

Oft besteht die Tendenz, möglichst viele Features in einem Produkt umzusetzen – verständlich, immerhin will man dem Kunden ja das bestmögliche Produkt bieten und oftmals unterliegt man der Annahme „Masse gleich Klasse“. Sollen dann alle Features rechtzeitig zum Release fertig sein, kann jedoch Einiges schiefgehen: Verzögerungen bei einem Feature können den Release verschieben, eventuell sind einige gewünschte Funktionen technisch bisher noch kaum umsetzbar, manche funktionieren vielleicht nur halb, und und und… Beginnen Sie hingegen mit einem Produkt, das sich auf seine Kernfunktionen fokussiert, können Sie weitere Funktionen in Ruhe und bis ins Detail durchdacht hinzufügen und sich außerdem mehr auf Ihre Ziele und die Produktvision fokussieren. Kurz gesagt: Haben Sie ruhig den Mut, sich bewusst gegen etwas zu entscheiden und zu sagen: „Das machen wir später“. Denn das ist gleichzeitig auch eine Entscheidung für eine zeit- und kostengünstige Lösung mit früher Feedbackmöglichkeit.

Ideen austesten:

Nicht jede Idee hält sich auch am Markt. Durch ein Minimal Viable Product können Sie Ihre Produktideen mit relativ wenig Aufwand testen und erst dann weiterentwickeln, wenn sie gut bei den Nutzern ankommen. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass Features, die nicht genutzt werden, relativ einfach wieder entfernt werden können, ohne dass man gleich das gesamte Produkt in Frage stellt. Je unsicherer man ist, ob ein Produkt oder eine Idee überhaupt funktioniert, desto wichtiger ist ein MVP, denn Ideen lassen sich schnell validieren.

Standing entwickeln:

Ein Minimum Viable Product kann Ihnen helfen, das nötige Vertrauen und Standing bei den Nutzern aufzubauen, welches die Akzeptanz von zukünftigen Features oder neuen Produkten steigert.

Diese 3 Punkte müssen Sie bei der MVP-Entwicklung beachten

Wie wir bei Userlutions MVPs entwickeln und was es zu beachten gilt, betrachten wir  in einem gesonderten Artikel. Hier schon mal ein kleiner Ausblick auf die Best-Practices:

  • Die Nutzersicht berücksichtigen: Nutzer- und Business-Anforderungen können stark voneinander abweichen. Einer der häufigsten Fehler ist daher, das MVP nicht aus Nutzer-, sondern aus Business-Sicht zu definieren. Gerade durch die beschränkte Funktionalität kann es dazu kommen, dass das Produkt von den Nutzern nicht angenommen wird.
  • Einer Zukunftsvision folgen: Wird das Produkt nicht bis zu Ende durchdacht und werden zukünftige Entwicklungen nicht berücksichtigt, bekommen Sie am Ende Probleme mit der Skalier- und Erweiterbarkeit. Eine mögliche Folge sind teure Änderungen am Interface.
  • Sich vom Perfektionismus verabschieden: Hat man das Produkt bis zum gewünschten Endzustand durchdacht, fällt es oft schwer, die Kernfunktionen zu identifizieren. Kann man so etwas Simples wirklich auf den Markt bringen? Hier müssen Sie sich bewusst gegen den Hang zum Perfektionismus entscheiden. Das Produkt so einfach und reduziert wie möglich zu halten, ist Kunst und Zweck des MVP gleichzeitig.

Wie entwickelt man ein MVP?

MVP entwickeln & Fehlinvestitionen vermeiden

Wir zeigen den idealen Konzeptionsprozess und Best-Practices bei der MVP-Entwicklung.

Fazit: Ein Minimum Viable Product hilft Ihnen dabei schwerwiegende Fehlinvestitionen zu vermeiden

Durch den Fokus auf wenige Kernfunktionen können Sie Ihr Produkt in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum entwickeln und schützen sich gleichzeitig vor schwerwiegenden Fehlinvestitionen in Features, die Ihre Nutzer gar nicht brauchen. Ein MVP gibt Ihnen die Möglichkeit, wertvolles Kundenfeedback zu sammeln und weitere Funktionen in Ruhe und bis ins Detail durchdacht zu entwickeln – und so das bestmögliche Produkt zu erschaffen. Brauchen Sie Unterstützung bei der Definition der Kernfunktionen oder der Konzeption des MVP?

Kontaktieren Sie uns gerne für eine unverbindliche Beratung!

Diesen Artikel teilen

Über den Autor

Friederike Waterstrat

User-Experience-Specialist

„UX’ler sind wie Meerschweinchen: Eins allein geht ein.“ Das ständige Interesse am fachlichen Austausch sowie ihr akademischer Hintergrund der Mensch-Maschine-Interaktionen haben Friederike zu vielfältigen Projekten verholfen. So entstanden beispielsweise Personas für RTL2, die HanseMerkur und meinUnterricht.de.

Kontaktieren Sie Friederike