„Ich hatte mal eine ältere Testerin, die die AGBs von ihren genutzten Online-Services mit dem Fotoapparat abfotografierte und sich diese systematisch archivierte.“ – UX-Specialist Userlutions

 

In unserem Artikel „Wie unterscheiden sich alte von jungen Webseitenbesuchern aus Usability-Sicht?“  haben wir vor einiger Zeit bereits über Unterschiede in Lesegeschwindigkeit und -tiefe berichtet – und was das für die Website-Gestaltung praktisch bedeutet.

Es ist einige Zeit vergangen: Wir haben seitdem tausende neue Usability-Tests durchgeführt und konnten vor allem Besonderheiten im Surfverhalten und beim Testing mit älteren Nutzern feststellen und neue Empfehlungen bzgl. altersgerechter Usability für Sie ableiten. Lassen Sie uns direkt einsteigen…

Altersgruppe 60+: Besonderheiten im Nutzungsverhalten

Bearbeitungsgeschwindigkeit / Besonderheiten Klickverhalten

  • Tempo: Silver Surfer lesen teils deutlich langsamer, aber auch konzentrierter und genauer
    • Junge Besucher überfliegen die Seiten hingegen eher und begehen so tendenziell mehr Flüchtigkeitsfehler (z. B. lesen sie Dinge vor, die so gar nicht auf der Seite zu finden sind).
    • Empfehlung: Eine optimierte Scanbarkeit der Seite ist für jüngere Nutzer demnach wichtiger als für ältere.
  • Doppelklicks: Ältere Tester versuchen häufig, Links mit einem Doppelklick zu öffnen.
  • Risikoaversion: Durch geringere Vertrautheit mit digitalen Anwendungen haben ältere Nutzer im Durchschnitt mehr Angst, etwas falsch zu machen, wenn ihnen etwas nicht ganz klar ist. Dies verhindert ein exploratives Trial und Error Klickverhalten: Sie sind gehemmter, „einfach irgendwo draufzuklicken“, um etwas auszuprobieren.
    • Wenn jüngere Nutzer hingegen nicht wissen, welche Elemente klickbar sind, testen sie ihre Vermutungen ungehemmt.
    • Empfehlung: Eine klare Benennung der Call to Actions ist bei älteren Nutzern besonders wichtig, damit sie wissen, was sie beim Klick auf den Button erwartet. Zusätzlich sollte mit info-Icons gearbeitet werden, um weitere Informationen bereitzustellen, die Bedenken der Silver Surfers aufheben können.
  • Multitasking: Ältere Nutzer brauchen länger, um die Gesamtheit und Organisation von Informationen auf einer Seite zu erfassen.
    • Empfehlung: Eine klare Nutzerführung durch Prozesse mit möglichst wenig externen Links von der Seite weg ist daher noch essentieller als bei einer jüngeren Zielgruppe, die Multitasking in der Digitalnutzung durchaus gewöhnt ist.

 

Umgang mit Konventionen / Neuem

  • Design-Konventionen: Tester der Altersgruppe 60+ sind weniger vertraut mit Design-Konventionen von Call to Actions (Position, Labelling und Layout), weshalb diese manchmal verzögert oder gar nicht gefunden werden.
  • Scrollverhalten: Below-the-fold Informationen werden durch ausbleibendes Scrolling seltener gefunden (“Das ist alles?“) – dies ist besonders dann zu beobachten, wenn das Design nicht zum Weiterbrowsen einlädt.
    • Empfehlung: Schneiden Sie den Content above the fold an, damit die Nutzer animiert werden zu scrollen. Dabei ist es wichtig, alle gängigen Auflösungen zu beachten (responsiv).

 

 

Mobiler Umgang / Multi-Device-Umgang

  • Erfahrungsschatz: Ältere Nutzer sind tendenziell mobil unerfahrener und kennen teils mobile-spezifische Konventionen nicht, z. B.
  • Multi-Device-Verhalten: Ältere Tester informieren sich durchaus gerne auf dem Smartphone, wechseln bei Abschluss von Verträgen oder größeren Geldtransfers lieber auf Tablet-Größe bzw. Desktop. Gründe:
    • Auf dem Smartphone sind Formularfelder oft zu klein und “fummelig zu bedienen”.
    • Es wurden Bedenken geäußert, wichtige Informationen, Kleingedrucktes oder Checkboxen etc. auf dem Smartphone-Screen zu übersehen.
    • Auch bei der Angabe von personenbezogenen Daten wechseln Silver Surfer lieber noch einmal vom Smartphone auf den Desktop – dieser wird als sicherer wahrgenommen.
    • Empfehlung: Achten Sie bei Formularfeldern darauf, sie größer und offensichtlicher darzustellen. Die AGBs sollten lesbar formatiert sein, indem wichtige Aussagen fett hervorgehoben werden. Außerdem sollten AGBs auf dem Smartphone nicht als PDF herunterladbar sein, sondern sich z. B. als Overlay öffnen. Die Schrift sollte sich responsiv beim Zoomen anpassen. Noch wichtiger als bei jüngeren Nutzern ist es, die Sicherheit beim Bestellen durch SSL-Verschlüsselung zu kommunizieren.

 

Sprachliche Barrieren

  • Fremdsprachenaversion: Auf englischsprachige Elemente reagieren ältere Tester tendenziell mit größerer Entrüstung und / oder Ablehnung.
    • Empfehlung: Webseiten, die ältere Nutzer ansprechen, sollten möglichst auf englischsprachige Elemente verzichten, um ein höheres Vertrauen beim Nutzer zu erreichen.

 

Trust

  • Markenbekanntheit: Ältere Tester legen bei ihrem Vertrauensurteil deutlich mehr Wert auf bekannte Unternehmensnamen und Marken.
  • Vertrauensbeweise: Außerdem fordern ältere Nutzer oft mehr Informationen und verstärkt Testimonials und Siegel, bevor sie einer Marke Vertrauen schenken.
    • Es besteht generell größere Skepsis bzgl. Online-Sicherheit.
    • Empfehlung: Verwenden Sie bekannte Trust-Elemente (wie z. B. TÜV) und verzichten Sie auf unbekannte, englische Siegel. Setzen Sie Testimonials gezielt ein, um eventuelle Bedenken älterer Nutzer (z.B. Sicherheit bei der Buchung, Qualität des Services / Produkts) zu entkräften. Diese Elemente sollten auf der Homepage direkt above the fold erscheinen.

 

Umgang mit Misserfolg

  • Wechsel des Kontaktkanals: Wenn eine Informationssuche nicht zum gewünschten Ergebnis führt, geben Ältere an, zur Absicherung gern auch “einfach mal anzurufen”.
  • Fehlerattribuierung: Wenn Suchanfragen inkorrekt verlaufen, wird der Fehler nicht in der Maschine, sondern bei sich selbst gesucht, oder auch „akzeptiert“
    • Nicht erwartungskonform eintretende Ereignisse werden von älteren Nutzern eher als neue „Ausgangslage“ akzeptiert werden; ein Prozesskorrekturverhalten ist weniger oft zu beobachten.

 

Altersgruppe 60+: Besonderheiten für das UX-Testing

  • Prototypen-Tests: Für Ältere ist es teilweise schwierig, sich in das Konzept „Prototyp“ hineinzudenken. Auch nach entsprechender Instruktion scheint alles real und klickbar.
  • Testkonzept und -verlauf: Ältere Tester haben teilweise erhöhten Erzähl-Bedarf, der sich vor allem bei Labortests entladen kann. Es kann leicht die eingeplante Zeit sprengen, wenn man sie ausreden lassen möchte.
    • Empfehlung: Konzipiere für deinen Test lieber weniger Aufgaben, dafür aber gut beschriebene. Der Testleiter sollte die Aufgaben möglichst präzise formulieren und die Nutzer stetig zum Test zurückleiten. Oft ist es hilfreich zu betonen, dass die Zeit des Tests leider begrenzt ist und es noch weitere Aufgaben zur Webseite gibt, zu denen ihre Meinung gefragt ist.

 

Wir möchten betonen, dass wir hier lediglich von generellen Erfahrungen einer Vielzahl von UX-Tests berichten können, welche sich über verschiedene Projekte und Branchen erstreckt haben. Um detaillierte Informationen über funktionierende Elemente und Inhalte für Ihre Nutzer zu erhalten, empfiehlt sich die Durchführung zielgruppenspezifischer (Remote-)Usability-Tests.

 

Welche altersspezifischen UX-Besonderheiten kennen Sie? Welches Zielgruppenkriterium sollen wir als nächstes beleuchten?

 

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Über den Autor

Mareike Mechler

Junior-Marketing-Managerin

Mareike Mechler hat Psychologie und Kommunikation studiert und unterstützt uns bei der Umsetzung und Weiterentwicklung unserer Marketing-Strategie.

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