Zusammenfassung:  Wir haben schon einige Usability-Tests mit Kindern durchgeführt und daraus Best-Practices abgeleitet. Dieser Artikel sagt Ihnen, was Sie bei der Vorbereitung, dem technischen Setup und der Durchführung beachten müssen.

 

Paul fummelt schon seit einer halben Stunde an dem Mikrofon herum, das ich an seinen blauen „Bob der Baumeister“-Pullover gesteckt habe.

Auch wenn mir klar ist, dass ich die Tonaufzeichnung wahrscheinlich vergessen kann, lasse ich ihn machen.

Schließlich erzählt der 7-Jährige mir gerade, warum er gerne liest und wie eine Lese-App für ihn gestaltet sein müsste – wichtige Informationen, die ich brauche, um die App für unseren Kunden zu optimieren.

Als er das Mikro abnimmt und wie ein Lasso durch die Gegend schleudert, muss ich dann aber doch mal eingreifen. Zusammen finden wir einen Platz an seinem Shirt, an dem das Gerät ihn nicht stört und der Usability-Test kann weitergehen.

 

Wenn in unserem Usability-Labor Kinder zu Gast sind, um Apps, Websites oder Software zu testen, ist das immer etwas ganz Besonderes. Alle Mitarbeiter freuen sich darauf, dass viele kleine Sonnenscheine in unserem Büro ein und aus gehen.

Für die Testleiter können diese Probanden aber eine echte Herausforderung sein. Mit einer guten Mischung aus Vorbereitung und Spontanität machen diese Tests aber enorm viel Spaß und liefern genauso gute Erkenntnisse wie Usability-Tests mit Erwachsenen.

Damit sie auch Ihnen gelingen, habe ich einige unserer Best-Practices für die Durchführung von Usability-Tests mit Kindern (im Labor) zusammengestellt.

Usability-Tests mit Kindern – Die Vorbereitung

Sie haben eine Idee für eine App, Website oder Software für Kinder und diese auch schon in einem Prototyp umgesetzt? Dann sollten Sie im nächsten Schritt einen Usability-Test einplanen, um sicherzugehen, dass die Kinder mit dem Interface umgehen können. Denn wie immer gilt: Sie sind nicht der Nutzer. Und in diesem Fall sind Sie es WIRKLICH nicht.

Vorneweg eine gute Nachricht: Kinder haben normalerweise große Lust und Spaß daran, neue Sachen auszuprobieren. Sie erzählen auch gerne von ihren eigenen Ideen und Verbesserungsvorschlägen, wenn sie richtig danach gefragt werden. Tests mit Kindern sollten daher immer moderiert sein. So können Sie zwischendurch nachhaken oder die Kinder wieder zur eigentlichen Aufgabe zurückführen.

Natürlich gibt es einige Unterschiede bei den verschiedenen Altersgruppen. Eine gute Übersicht finden Sie hier: Unterschiede der verschiedenen Altersklassen

Hier unsere Tipps für die Vorbereitung:

 

Wohlfühlatmosphäre schaffen

Damit das Kind sich von Anfang an wohlfühlt, sollte der Raum möglichst wohnlich und entspannt eingerichtet sein. Viele Kissen, Pflanzen und warme Lichtquellen sorgen für eine lockere Atmosphäre. So sah unser Labor bei unserem letzten Usability-Test mit Kindern aus:

Usability-Labor mit verschiedenen Sitzmöglichkeiten, warmer Beleuchtung, Pflanzen, Decken, Kissen, gemütlicher Atmosphäre für Usability-Tests mit Kindern
Usability-Labor mit Sitzsack, warmer Beleuchtung, Pflanzen, Decken, Kissen, gemütlicher Atmosphäre für Usability-Tests mit Kindern

Verschiedene Sitzmöglichkeiten

Gerade für schüchterne Kinder ist es besser, zunächst etwas weiter vom Interviewer entfernt zu sitzen oder sich ihren Sitzplatz frei aussuchen zu können. Ideal ist es daher, wenn sich im Raum mehrere verschiedene Sitzmöglichkeiten befinden, die noch dazu in unterschiedlicher Entfernung zum Interviewer stehen.

 

Beeinflussung durch Eltern verhindern

Im Normalfall versuchen wir, die Eltern nicht mit in den Testraum zu nehmen. Wenn das nicht klappt, müssen sie im Vorhinein instruiert werden, dass sie keine Hilfestellung geben und sich komplett zurückhalten sollen. Der Sitzplatz der Eltern sollte sich außerdem außerhalb des Sichtfeldes des Kindes befinden.

 

So wenig Menschen im Raum wie möglich

Jeder zusätzliche Mensch bedeutet mehr Aufregung und Ablenkung für das Kind. Es sollten sich daher neben dem Kind nur der Testleiter und maximal ein Elternteil im Raum befinden. Wenn Sie noch jemanden zum Mitschreiben brauchen, versuchen Sie eine Live-Übertragung in einen anderen Raum einzurichten.

zwei Kleinkinder nutzen ein Tablet - eine typische Situation bei einem Usability-Test mit Kindern

Mitschreiben

Sie selbst sollten nur möglichst wenige Notizen machen, da die Kinder dann eher auf Ihren Laptop oder Notizblock schauen, als sich dem Test zu widmen.

 

Vermeiden Sie eine „Lehrer-Schüler-Situation“

Setzen Sie sich auf jeden Fall auf Augenhöhe mit dem Kind, eventuell sogar etwas niedriger. Das Kind soll Ihnen frei seine Meinung sagen können und nicht das Gefühl bekommen, von Ihnen belehrt zu werden.

 

Planen Sie keine langen Tests ein

Eine Stunde ist das absolute Maximum. Je jünger die Kinder sind, umso unruhiger sind sie auch. Planen Sie daher gegebenenfalls auch Pausen ein.

 

Bewertung von Designs fällt schwer

Oft sieht in Kinderaugen einfach alles gut aus, weil sie keinen Vergleich haben. Bereiten Sie daher ein alternatives Design vor, damit Sie sich vergleichend über die beiden Ausführungen unterhalten können. Eine Smiley-Skala kann auch bei der Bewertung helfen.

 

Gönnen Sie sich selbst Pausen

Usability-Tests mit Kindern sind für den Testleiter aufregender, als mit Erwachsenen, da sie noch mehr Aufmerksamkeit abverlangen. Planen Sie daher zwischen den Tests großzügige Pausen ein.

Usability-Tests mit Kindern – Das technische Setup

Platzierung der Technik

In vielen Fällen ist es natürlich sinnvoll, den Test aufzuzeichnen. Kamera und Mikrofon sollten dabei möglichst unauffällig platziert sein, um nicht abzulenken. Wie eingangs beschrieben, sollte die Technik die Kinder auch nicht stören.

Junge spielt mit Smartphone - eine typische Situation bei Usability-Tests mit Kindern

Übertragung einrichten

Wie schon oben erwähnt, kann es notwendig sein, dass eine zweite Person mitschreibt, die sich nicht im gleichen Raum befinden sollte. Hier wird eine Übertragung in einen anderen Raum nötig.

Usability-Tests mit Kindern – Die Einleitung

Entspannten Einstieg finden

Je jünger die Kinder sind, desto unsicherer sind sie meist noch und brauchen mehr Zeit um aufzutauen. Steigen Sie deshalb nicht gleich in den Test ein, sondern unterhalten Sie sich etwas mit ihnen. Fragen Sie, was sie gerne machen oder wie ihre letzten Ferien waren und erzählen Sie auch etwas über sich („Ich fahre total gerne ans Meer, wo warst du zuletzt im Urlaub?“, „Hey, cooler Einhorn-Pulli, ich steh auch total auf Einhörner“). Stimmen Sie die Kinder dann langsam auf das Thema ein („Was ist dein Lieblingsfach in der Schule?“, „Mein Lieblingsbuch ist Der kleine Prinz und deins?“).  

 

Erklären Sie ihnen den Grund des Tests

Immer wichtig, aber vor allem bei Kindern: Nicht das Kind wird getestet, sondern das Produkt. Erklären Sie deshalb ganz genau, worum es bei dem Test geht und machen Sie deutlich, dass Fehler und Probleme Ihnen dabei helfen, das Produkt zu verbessern.

 

Geben Sie ein realistisches Szenario vor

Vor allem kleine Kinder haben noch Schwierigkeiten, sich in Szenarien hineinzuversetzen („Aber unsere Deutschlehrerin würde uns nie eine App zum Lernen geben“). Daher hilft es, viel mit persönlicher Ansprache und realistischen Daten zu arbeiten. Achtung: Dabei kann man jedoch auch mal über das Ziel hinausschießen („Muss ich das Buch wirklich bis nächste Woche lesen?“).

Usability-Tests mit Kindern – Die Durchführung

Achten Sie auf Gestik und Mimik

Lautes Denken funktioniert bei Kindern noch nicht gut. Dafür ist ihre Körpersprache viel ausgeprägter als bei Erwachsenen. Achten Sie daher mehr auf Gestik und Mimik als auf das Gesagte. Sie werden Transferleistungen erbringen müssen. Beugt sich das Kind sehr weit vor, um zu lesen, fragen Sie, ob die Schrift zu klein ist. Stocken sie beim Vorlesen bei einem Wort, fragen Sie, ob sie das Wort kennen und lassen Sie es sich im Zweifelsfall erklären.

Usability-Test mit Kind: Junge nutzt Tablet und schaut konzentriert

Seien Sie spontan

Kinder sind oft unvorhersehbar. Werden sie im Laufe des Gesprächs sehr hibbelig, bieten Sie ihnen eine Toilettenpause oder etwas zu essen an. Wollen sie einfach nichts sagen, versuchen Sie sie aus der Reserve zu locken oder spielen Sie mit ihnen ein Spiel. Reden sie sehr leise, wiederholen Sie die entscheidenden Aussagen, damit sie trotzdem aufgezeichnet werden. Und so weiter und so fort.

 

Seien Sie geduldig

Auch dieser Punkt gilt natürlich bei jedem Usability-Test, bei Kindern aber besonders. Lassen Sie sie ruhig erstmal das Produkt selbst erkunden, auch wenn sie dabei nichts sagen. Beobachten Sie stattdessen viel und lassen Sie ihnen Zeit, bevor Sie nachhaken.

 

Beeinflussen Sie nicht

Die Kinder werden Ihnen viele Fragen stellen, vor allem wenn sie etwas nicht verstehen. Die Herausforderung ist es, mit geschickten Gegenfragen zu antworten („Was denkst du denn?“, „Was würdest du jetzt machen?“), neutral zu bleiben und keine Lösungen vorzusagen. Grundsätzlich empfehlen wir, Labor-Usability-Tests von externen UX-Experten durchführen zu lassen, um Betriebsblindheit vorzubeugen und hilfreiche Optimierungsempfehlungen zu bekommen. UX-Agenturen verfügen außerdem über das nötige technische Setup in ihren Usability-Laboren.

 

Habe ich etwas vergessen? Haben Sie auch schon Erfahrungen mit Usability-Tests mit Kindern? Dann schreiben Sie mir Ihre Ergänzungen gerne in den Kommentaren.

 

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Über den Autor

Maria Müller

User-Experience-Specialist

Maria ist darauf spezialisiert, die Bedürfnisse des Nutzers über User Research und Design Thinking zu erfassen und quantitativ über Online-Umfragen und A/B-Tests zu validieren. In über 35 Projekten hat sie bereits Kunden aus der Gesundheits-, Bildungs- und Versicherungs-Branche und dem Smart-Home-Bereich betreut, u.a. Cornelsen, HanseMerkur, IBB und Velux.

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